Wie wird eine Rektusdiastase festgestellt?
1. Tastuntersuchung – der Fingertest
Die einfachste Methode: Die Patientin legt sich auf den Rücken, hebt den Kopf leicht an und spannt die Bauchmuskulatur an. Der Untersucher legt Finger nebeneinander auf die Bauchmitte. Wenn zwischen den Muskelsträngen mehr als 2 Finger (ca. 2–2,7 cm) Abstand bestehen, liegt eine Rektusdiastase vor.
Der Fingertest gibt einen ersten Eindruck – reicht aber für eine vollständige Beurteilung nicht aus. Er zeigt nicht, wie tief oder stabil die Linea alba noch ist, und kann begleitende Hernien nicht erkennen.
2. Inspektion – sichtbare Zeichen
Im Stehen ist häufig eine Vorwölbung in der Bauchmitte sichtbar. Beim Aufrichten aus der Rückenlage tritt oft ein senkrechter Strang oder "Tunnel" in der Mittellinie hervor. Die Patientin selbst beschreibt häufig, dass ihr Bauch trotz normalisiertem Gewicht noch schwanger aussieht.
3. Ultraschall – Goldstandard der Diagnostik
Der Ultraschall ist das wichtigste diagnostische Instrument. Er misst die Breite des Spalts exakt – typischerweise 2–3 cm oberhalb des Nabels, auf Nabelhöhe und gegebenenfalls unterhalb. Außerdem zeigt er die Tiefe der Linea alba, ihre Stabilität (wie gut sie dem Druck standhält) und ob begleitende Hernien vorliegen.
Nur mit dem Ultraschall ist eine vollständige Klassifikation nach Schweregrad möglich – und damit eine fundierte Therapieentscheidung. Der Fingertest allein kann das nicht leisten.
Dynamischer Ultraschall: Beim dynamischen Ultraschall wird die Bauchdecke sowohl in Ruhe als auch unter Belastung (Husten, Anspannen) untersucht. So lässt sich auch die funktionelle Stabilität der Linea alba beurteilen – ein Schlüsselkriterium für die Therapieplanung.
Rektusdiastase Klassifikation: Schweregrade
Für eine einheitliche Beurteilung und Therapieplanung haben spezialisierte Bauchwa ndchirurgen eine Klassifikation entwickelt, die neben der Spaltbreite auch Lage, Hautbeschaffenheit, Anzahl der Schwangerschaften und begleitende Hernien berücksichtigt.
Grad 1 – leichte Rektusdiastase (Spaltbreite unter 3 cm)
Kaum oder keine funktionellen Beschwerden. Kein oder minimaler Hautüberschuss. Keine OP-Indikation. Behandlung: gezielte Physiotherapie, Kräftigung der schrägen Bauchmuskeln und Beckenboden.
Grad 2 – mittelschwere Rektusdiastase (Spaltbreite 3–5 cm)
Funktionelle Beschwerden möglich (Rückenschmerzen, Schwäche). OP kann erwogen werden – besonders wenn Beschwerden bestehen oder begleitende Hernien vorliegen. Minimal-invasiver Eingriff (MILOS-Technik) möglich.
Grad 3 – schwere Rektusdiastase (Spaltbreite über 5 cm)
Deutliche funktionelle Einschränkungen, erheblicher Hautüberschuss. Kombinations-OP aus Bauchwandrekonstruktion und Bauchstraffung (Hybrid-OP) sinnvoll. Empfohlen erst nach abgeschlossener Familienplanung.
Was wird bei der Diagnose noch geprüft?
Begleitende Hernien ausschließen
Nabelbrüche und epigastrische Hernien (Oberbauchbrüche) treten häufig zusammen mit Rektusdiastasen auf. Da die Diastase die Bauchwand schwächt, entstehen leichter Lücken. Manche Patientinnen haben eine ganze Reihe kleiner Brüche (Siebhernien). Begleitende Hernien müssen im Ultraschall erkannt und bei einer OP mitversorgt werden.
Beckenbodenfunktion
Da Rektusdiastase und Beckenbodenschwäche häufig zusammen auftreten, gehört die Einschätzung der Beckenbodenfunktion zur vollständigen Diagnostik. Inkontinenz oder Senkungsgefühl können auf eine kombinierte Problematik hinweisen, die in der Therapieplanung berücksichtigt werden sollte.
Rektusdiastase selbst testen – ist das sinnvoll?
Der Selbsttest (Finger in die Bauchmitte legen beim Kopfheben in Rückenlage) kann erste Hinweise geben. Er ersetzt aber keine ärztliche Untersuchung. Gründe:
- Der Test gibt keine Information über Tiefe und Stabilität der Linea alba
- Begleitende Hernien können nicht ausgeschlossen werden
- Eine Fehlbeurteilung kann dazu führen, dass falsche Übungen gemacht werden
Wer einen deutlichen Spalt tastet oder Beschwerden hat, sollte einen spezialisierten Arzt aufsuchen – idealerweise einen Viszeralchirurgen mit Erfahrung in Bauchwandchirurgie.
Rektusdiastase Diagnose: Zusammenfassung
- Tastuntersuchung in Rückenlage: erste Einschätzung des Spalts
- Ultraschall: exakte Messung, Stabilitätsbeurteilung, Hernien-Ausschluss
- Klassifikation nach Grad 1–3 entscheidet über die Therapie
- Begleitende Hernien müssen immer mitbeurteilt werden
- Selbsttest möglich, aber kein Ersatz für Facharztuntersuchung
