Muss jeder Leistenbruch operiert werden?

Die Operation ist die einzige Möglichkeit, einen Leistenbruch dauerhaft zu schließen. Eine Hernie verschwindet nicht von selbst und wird ohne Behandlung größer. Außerdem besteht immer das Risiko einer Einklemmung (Inkarzeration) – auch wenn das nur bei 1 bis 3 % aller Bauchwandbrüche vorkommt.

Bei kleinen, beschwerdefreien Hernien bei Männern kann ein abwartendes Vorgehen (Watchful Waiting) diskutiert werden – immer mit engmaschiger ärztlicher Kontrolle. Die meisten dieser Patienten entwickeln jedoch mit der Zeit deutliche Symptome, sodass eine OP höchstens hinausgeschoben wird.

Frauen mit Leistenbrüchen wird wegen des erhöhten Einklemmungsrisikos grundsätzlich eine zeitnahe OP empfohlen.

Warum wird heute fast immer ein Netz eingesetzt?

Die Leitlinien empfehlen bei Erwachsenen grundsätzlich ein netzbasiertes Verfahren – also den Einsatz eines Kunststoffnetzes zur Verstärkung der Bauchwand. Netzoperationen haben Rückfallraten von unter 1–3 %, reine Nahtverfahren führen sehr viel häufiger zu Wiederholungsbrüchen.

Heutige Netze sind aus hochverträglichem Kunststoff gefertigt und sollten nach Möglichkeit außerhalb der Bauchhöhle platziert werden – an der günstigsten Stelle zwischen Bauchwand und Bauchfell. Das senkt das Risiko von Verwachsungen mit den Eingeweiden auf ein Minimum.

Die OP-Verfahren im Überblick

TAPP – Transabdominelle präperitoneale Patchplastik

Die TAPP-Methode ist ein häufig eingesetztes minimalinvasives Verfahren – in vielen Fällen die erste Wahl beim Leistenbruch. In Vollnarkose werden drei kleine Schnitte vorgenommen – einer am Nabel für die Kamera (Laparoskop), zwei weitere von 5–12 mm im Unterbauch für die Instrumente.

Der Chirurg arbeitet bei dieser Form der Leistenbruch OP von innen: Er präpariert die Bruchstelle frei und legt ein Netz in den präperitonealen Raum (zwischen Bauchfell und Bauchwand), das die Bruchlücke vollständig überdeckt. Das Netz wird mit Klammern, Kleber oder durch den natürlichen Bauchinnendruck fixiert. Anschließend wird das Bauchfell über das Netz zurückgeklappt und verschlossen.

Besonderer Vorteil: Der Chirurg hat freie Sicht auf die gesamte Leistenregion beider Seiten. Beidseitige Brüche können in einer Sitzung versorgt werden, unentdeckte Hernien auf der Gegenseite erkannt und mitbehandelt werden.

TEP – Totale extraperitoneale Patchplastik

Die TEP ist eine weitere Variante der minimalinvasiven Leistenbruch OP, bei der die Bauchhöhle nicht eröffnet wird. Die Instrumente arbeiten ausschließlich im extraperitonealen Raum – zwischen Bauchfell und Bauchwand, ohne Kontakt zu den Eingeweiden.

Bei der TEP wird zunächst mithilfe eines kleinen Ballons ein Arbeitsraum innerhalb der Bauchwand geschaffen. CO₂-Gas hält diesen Raum während der Operation offen. Anschließend wird ein Kunststoffnetz eingesetzt, das die möglichen Bruchstellen in der Leistenregion großflächig abdeckt. Am Ende wird das Gas abgelassen. Der natürliche Druck im Bauchraum drückt das Bauchfell gegen das Netz und hält es so an seinem Platz – in der Regel ohne zusätzliche Clips oder Nähte.

Vorteile: Kein Kontakt zu den Eingeweiden, potenziell geringeres Risiko innerer Verletzungen.

Lichtenstein – Offene OP mit Netz

Das Lichtenstein-Verfahren ist die bewährte offene Standardmethode. Über einen Schnitt in der Leiste wird der Bruchsack freigelegt, zurückverlagert und die Bruchpforte mit einem Kunststoffnetz von außen überdeckt und vernäht.

Ein entscheidender Vorteil für viele Patienten: Die Lichtenstein-OP kann in Lokal- oder Spinalanästhesie durchgeführt werden – also ohne Vollnarkose. Das macht sie zur ersten Wahl bei älteren Patienten mit Narkoserisiken oder schweren Begleiterkrankungen. Für sehr große Brüche oder Hodenbrüche (Skrotalhernien) ist die Lichtenstein OP ebenfalls gut geeignet.

Shouldice – Nahtverfahren ohne Netz

Beim Shouldice-Verfahren wird die Bruchlücke mit körpereigenem Gewebe vernäht – ohne, dass ein Kunststoffnetz eingesetzt wird. Diese Form der Leistenbruch OP ist heute nur noch in Ausnahmefällen indiziert: bei sehr kleinen Brüchen jüngerer Patienten oder wenn ein Patient ein Fremdmaterial ausdrücklich ablehnt. Das Risiko eines Wiederholungsbruchs ist gegenüber anderen Verfahren deutlich erhöht.

MILS – Micro Invasive Laparoscopic Surgery

Eine Weiterentwicklung der minimalinvasiven Technik: Beim MILS-Verfahren werden extrem kleine Instrumente (ca. 2 mm statt bisher 5 mm) eingesetzt. Die seitlichen Einstiche sind so klein, dass kein Nahtverschluss notwendig ist – es entstehen kaum sichtbare Narben. Nur der kleine Nabeleinschnitt wird mit einem selbstauflösenden Faden verschlossen. Dieses besonders schonende Verfahren ist an spezialisierten Zentren verfügbar.

Roboter-assistierte Chirurgie

In einigen spezialisierten Zentren kommen Roboter-Systeme (z. B. daVinci-Roboter) beim Leistenbruch zum Einsatz. Es handelt sich um eine minimalinvasive Technik, bei der der Chirurg die Instrumente von einer Konsole aus steuert. Die Ergebnisse sind vergleichbar mit konventioneller Laparoskopie, der Aufwand und die Kosten jedoch höher.

Welche Methode passt zu mir?

Entscheidungshilfe: Die Wahl des Verfahrens hängt von Bruchgröße und -lage, Voroperationen, Alter, Begleiterkrankungen und dem Wunsch nach Lokal- vs. Vollnarkose ab. Ein erfahrener Hernienchirurg bespricht das individuell mit Ihnen.

Minimalinvasiv (TAPP/TEP) bevorzugt bei:

  • Beidseitigem Leistenbruch – beide Seiten in einer OP
  • Wiederholungsbruch nach offener Voroperation
  • Frauen (Schenkelhernien-Ausschluss möglich)
  • Wunsch nach schneller Erholung und minimalen Narben

Offene Lichtenstein-OP bevorzugt bei:

  • Größeren Voroperationen am Unterbauch oder Darm mit Verwachsungen
  • Großem Leistenbruch (oder Hodenbruch) – hier ist die Lichtenstein-Technik ebenfalls empfehlenswert

Zusammenfassung

  • Ein Leistenbruch sollte immer mit einem Kunststoffnetz versorgt werden, um Wiederholungsbrüche zu vermeiden - die Rückfallraten sind deutlich geringer als bei Nahtverfahren
  • TAPP und TEP sind die gängigen minimalinvasiven Operationen beim Leistenbruch
  • Lichtenstein: die offene Methode ist auch in Lokalästhesie möglich, bewährt bei Narkoserisiken und großen Brüchen
  • Shouldice: ohne Netz, nur in Ausnahmefällen, höheres Rückfallrisiko

Medizinischer Hinweis: Diese Inhalte ersetzen keine ärztliche Beratung. Die Wahl des OP-Verfahrens sollte immer mit einem erfahrenen Hernienchirurgen besprochen werden.